Am 11. Juni 1900 fand in einem in der New York Times erschienenen Artikel, der über eine Massenkundgebung von Zionisten unter der Schirmherrschaft der Federation of American Zionists berichtete, die erste bekannte öffentliche Erwähnung von sechs Millionen Juden im Zusammenhang mit einer großen Katastrophe statt. Laut des Artikels soll Rabbi Stephen S. Wise, ein führender Vertreter des American Jewish Congress und bedeutendes Bindeglied zwischen Zionismus und Reformjudentum, in seiner Ansprache gesagt haben:[3]

„Es gibt 6.000.000 lebende, blutende, leidende Argumente zugunsten des Zionismus.“
Etwa ein Jahr später behauptete Michael Sinowitz, daß bereits während des sogenannten Bar-Kochba-Aufstandes von 132 bis 135 n. d. Z. sechs Millionen Juden von den Römern getötet worden seien:[4]

„Ein fürchterliches Blutbad entstand, dem nur wenige Hunderttausende entrannen; in Höhlen und in tiefster Einsamkeit verborgen, ernährten sie sich von Leichen und Blut; erst nach Verlauf von Jahren wagten sie wieder, ihre Schlupfwinkel zu verlassen. Mehr als sechs Millionen Juden haben damals ihren Tod gefunden. Im Talmud lesen wir, daß das Blut in Strömen dem nur eine Meile entfernten Meere zugeflossen sein soll.“
Die Erwähnung der sechs Millionen Juden in diesem Zusammenhang ist jedoch reine Willkür und wurde sehr wahrscheinlich durch Wise inspiriert, denn weder der Talmud noch das Midrasch Echa Rabbati, die beide den Bar-Kochba-Aufstand behandeln, erwähnen diese Zahl, sondern sprechen von 40 Millionen[5] bzw. 800 Millionen[6] angeblich getöteten Juden.

Im Jahre 1902 tauchte die Sechs-Millionen-Zahl dann in der zehnten Ausgabe der Encyclopædia Britannica auf, in der man unter dem Stichwort Antisemitismus lesen kann:[7]

„So lange es in Rumänien und Rußland sechs Millionen Juden gibt, die systematisch degradiert werden und die regelmäßig die westlichen Grenzen überströmen, wird es weiterhin eine jüdische Frage in Europa geben […].“
Das ist insofern bemerkenswert, als daß laut jüdischen Angaben im Jahre 1869[8] bzw. 1889[9] weltweit insgesamt sechs Millionen Juden existierten und Meyers Großem Konversations-Lexikon zufolge im Jahre 1905 in Rußland und Rumänien lediglich 5,35 Millionen Juden lebten[10] und in der nächsten Ausgabe der Encyclopædia Britannica von 1911 immer noch von sechs Millionen die Rede war,[11] der Brockhaus aber nur von insgesamt 7½ Millionen auf der Erde lebenden Juden wußte.[12] Deshalb erscheint es auch merkwürdig, daß am 27. November 1902 in der New York Times ein Leserbrief eines gewissen Samuel W. Goldstein erschien, in dem dieser unter der Überschrift „Plädoyer für den Zionismus“ einen Kritiker des Zionismus angreift mit den Worten:[13]

„Hat Dr. Silverman Vertretung der 6.000.000 Juden in Russland, 300.000 in Roumani und den 1.000.000 in Galicien?“
Am 29. Januar 1905 schrieb die New York Times unter der Überschrift „Ende des Zionismus, vielleicht. Sicht eines jüdischen Priesters auf den Aufstand in Rußland.“ über die Predigt eines gewissen Rabbi M. H. Harris im Israel Tempel:[14]

„Er erklärte, daß ein freies und glückliches Rußland mit seinen 6.000.000 Juden möglicherweise das Ende des Zionismus sei, da ein Ende der Autokratie praktisch die Ursachen eliminieren würde, die den Zionismus in die Existenz gebracht hat.“
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Dr. Paul Nathan in der New York Times vom 25. März 1905.
Ein gutes Jahr später, am 25. März 1906, konnte man dann erneut in der New York Times über die sechs Millionen Juden lesen, diesmal im Zusammenhang mit einem Vortrag, den ein gewisser Paul Nathan vor einem Publikum in Deutschland hielt:[15]

„Erschreckende Berichte über den Zustand und die Zukunft von Russlands 6.000.000 Juden wurden auf dem jährlichen Treffen des Central Jewish Relief League Germany am 12. März in Berlin von Dr. Paul Nathan erstattet, einem bekannten Berliner Verleger, der von einer ausgedehnten Reise durch Russland zurückkehrte […] Er verließ St. Petersburg mit der festen Überzeugung, daß die von Rußlands Regierung untersuchte Strategie für die ‚Lösung‘ der Judenfrage die systematische und mörderische Vernichtung sei.“
Als Beleg für diese These las Nathan laut des Zeitungsberichtes ein angeblich an Soldaten in Odessa gerichtetes Rundschreiben vor, in dem diese dazu aufgerufen wurden, „aufzustehen und die Verräter niederzuwerfen, die sich verschwören, um die heilige Regierung des Zaren umzuwerfen und durch ein jüdisches Reich zu ersetzen“.[16] Nathans Rede schloß mit einem Aufruf an das Weltfinanzjudentum, Rußland Einhalt zu gebieten, was offenbar dann auch geschah: Die jüdische „Verschwörung“ hatte Erfolg, die Bolschewisten vernichteten das Russische Zarenreich und errichteten die Sowjetunion, deren erstes Staatsoberhaupt der Jude Jakob M. Swerdlow war.

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